Fünf Ursachen für die Ungenauigkeit von Wahlprognosen

 

Die Bundestagswahl steht vor der Tür. Ob am Ende der Zugführer im Schulzzug, die Trägerin der Raute oder noch jemand anderes die Nase vorn haben wird, wissen wir erst, wenn der Bundeswahlleiter das Endergebnis bekannt gibt. Bis dahin tappen die Wähler aber nicht im Dunkeln, sondern können sich über Wahlprognosen und -umfragen, zum Beispiel der Forschungsgruppe Wahlen oder des Instituts für Demoskopie in Allensbach informieren.

Diese Umfragen sind in der Vergangenheit immer wieder in die Kritik geraten, weil sie z.B. nicht den Brexit oder die Wahl Donald Trumps vorhergesehen haben. Sind nun aber die Umfragen falsch? Wurde manipuliert oder woran kann es liegen, dass Umfrage und Ergebnis nicht immer übereinstimmen? In diesem Blogbeitrag erklärt euch Sebastian fünf wesentliche Ursachen, an denen es liegen könnte:

1. Unterschiede zwischen Stichprobe und Grundgesamtheit

Meinungsumfragen arbeiten in der Regel mit Stichproben. Wichtig ist, dass die Auswahl der Befragten zufällig erfolgt. Es muss also jeder Wahlberechtigte dieselbe Wahrscheinlichkeit haben, befragt zu werden. Diese Wahrscheinlichkeit darf natürlich nicht 0 sein. Das wird erreicht, in dem zum Beispiel zufällig Telefonnummer angerufen werden. Vereinfacht kann man sich vorstellen, dass alle Telefonnummern in einem großen Gefäß sind und zufällig – also ohne hinsehen – 1000 Nummern davon ausgesucht werden.

Bei dieser Zufallsziehung kann es passieren, dass zufällig ein paar Sympathisanten der einen Partei mehr in die Stichprobe gelangen als es dem Verhältnis der Grundgesamtheit entspricht. Beispielsweise, weil oben im Gefäß die Anzahl der SPD-Wähler höher ist, als weiter unten. Ungenauigkeiten sind also etwas ganz Normales bei Vorhersagen von einer Stichprobe auf die Grundgesamtheit. Je nach Stichprobengröße und Anteil der Grundgesamtheit fallen diese Ungenauigkeiten unterschiedlich aus. Bei Wahlumfragen sind es meistens so Pi mal Daumen zwei Prozentpunkte.

Bei der US-Wahl schlägt sich dieser Fehler deutlicher nieder als in Deutschland, weil der Gewinner alle Wahlmänner bekommt. Wenn in den Umfragen Clinton bei 50 Prozent und Trump bei 48 Prozent in einem bestimmten Bundesstaat liegt, dann ist eine Umkehr des Ergebnisses im Rahmen der zu erwartenden statistischen Schwankung.

2. Der Faktor Zeit

Eine weitere wichtige Ursache ist die Zeit, die zwischen Befragung und Wahl vergeht. Besonders wenn die Umfragen lange Zeit zurückliegen, kann ein Unterschied zum Wahltag entstehen. Durch Ereignisse, Wahlkampf oder dem Beschäftigen mit den politischen Alternativen kann der Wähler seine Entscheidung ändern. Das ist kein Fehler der Umfrage, sondern eine substanzielle Veränderung des Untersuchungsgegenstands.

Zum besseren Verständnis ein Beispiel. Es soll untersucht, ob durch eine spezielle Trainingsmethode die Ausdauer beim Laufen gesteigert werden kann. Eine Messung der Ausdauer wird vor dem Training durchgeführt. Das Training wird absolviert und nach einigen Wochen erfolgt wieder eine Messung der Ausdauer. Sofern das Training die Ausdauer steigert, sollte sich eine Änderung ergeben. Keiner würde dann sagen, dass die Messung vor einigen Wochen falsch war.

 3. Die soziale Erwünschtheit

Hinzu kommt die soziale Erwünschtheit, also eine bewusst falsche Antwort des Befragten in die Richtung, in die er glaubt, dass es gesellschaftlich akzeptiert ist. Befragte geben in Umfragen eher keine extremen Positionen zu, sondern richten sich in einer bequemen Mitte ein. Dies ist besonders bei persönlichen Befragungen mit einem Interviewer der Fall. Wer zugibt, Trump zu wählen, fürchtet eine anschließende Diskussion oder Notwendigkeit zur Rechtfertigung gegenüber dem Interviewer.

 4. Schlechtes Wetter und Wahlumfragen

Eine berühmte Ausrede von Parteien bei schlechtem Abschneiden ist das Wetter am Wahltag. Weil es geregnet hat, sind die Wähler zu Hause geblieben. Weil die Sonne schien, ist niemand zur Wahl gegangen. Und deswegen hat die Partei schlecht abgeschnitten. Das ist so direkt natürlich Unsinn. Bringt man das Wetter aber in Zusammenhang mit vorherigen Wahlumfragen, dann wird vielleicht doch ein Schuh draus.

Wenn die Wähler denken, dass es auch ohne ihre Zustimmung für den Kandidaten oder die Partei reicht, weil Wahlumfragen einen guten Vorsprung voraussagen, sind sie weniger motiviert zur Wahl zu gehen. Schlechtes Wetter verstärkt diesen Effekt. Wenn dies viele so machen, fehlen wichtige Stimmen, die dazu führen, dass das Wahlergebnis und die Umfrage nicht übereinstimmen.

5. Die Art der Datenerhebung

Hinzu kommt die Art der Datenerhebung. Wahlumfragen werden in der Regel telefonisch erstellt. Das setzt erst einmal voraus, dass der Befragte ein Telefon hat. Die Umfrage der ersten und einzigen demokratischen Wahl zur Volkskammer der DDR war deswegen verzerrt, weil in der DDR viele Bürger kein Telefon besaßen. Daher wurde ein haushoher Sieg der SPD vorhergesagt. Diese Zeiten sind zum Glück vorbei.

Es stellt sich aber zunehmend ein neues Problem bei Telefonbefragungen: Immer mehr Haushalte haben keinen Festnetzanschluss mehr, sondern sind nur noch über Mobiltelefone zu erreichen. Trotz einer Kombination aus Festnetz- und Mobilfunknummer ist es schwierig, die Grundgesamtheit abzudecken. Das liegt auch daran, dass Mobilfunknummer nach keinem System wie die Festnetznummern vergeben werden. Die Vorwahl 040 landet in Hamburg. Die Vorwahl 0160 weist inzwischen nicht einmal mehr auf den Betreiber hin. Das kann dazu führen, dass bestimmte Personengruppen, zum Beispiel Studenten, die häufig umziehen, gar nicht erreicht werden. Sie dürfen aber dennoch wählen und tun dies hoffentlich auch.

Und was heißt das alles nun für die Wahlprognosen?

Wenn nun einige dieser Effekte zusammenkommen, kann es dazu führen, dass Umfrage und Wahlergebnis unterschiedlich sind. Während die methodischen Probleme noch gelöst werden können, sind inhaltliche Änderungen beim Wähler von Demoskopen nicht vorherzusehen, wie jede Änderung der Meinung oder Einstellung.

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